DIE KAMPAGNE

2021

Samia Kaffouf

Der Fokus der diesjährigen Öffentlichkeitskampagne „Stop Racism!“ liegt auf den versteckten und unbewussten Formen von Rassismus. Obwohl meist frei von Böswilligkeit, sind alltagsrassistische Aussagen und Handlungen tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Ziel der Kampagne 2021 ist es, scheinbar harmlose Aussagen auf rassistisches Gedankengut zu überprüfen und aufzuzeigen, wie sie Betroffene ausgrenzen und verletzen.

Die bewusst provokant gesetzte Frage „Bist du sicher, dass du nicht rassistisch denkst?“, die sich an jede*n einzelne*n von uns – unabhängig vom eigenen Background – richtet, soll zum Ausgangspunkt einer introspektiven Reflexion werden. Niemand möchte als rassistisch definiert werden, und doch handelt potentiell jede*r von uns danach.

Die Gefahr von Alltagsrassismus besteht nämlich vor allem darin, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft als selbstverständlich gilt, sich aufgeklärt gegen Rassismus zu stellen. Dadurch werden die möglicherweise negativen Folgen gut gemeinter Worte und Taten a priori ausgeschlossen – und eine Selbstreflexion gar nicht erst zugelassen.

Niemand meint es böse, wenn er oder sie jemanden zu den hervorragenden Sprachkenntnissen, der Lockenfrisur oder dem Studientitel anspricht, aber dennoch schaffen solche Aussagen Abgrenzung. Aus diesem Grund kann nur ein offener Dialog zum Thema Empathie und Verständnis auf beiden Seiten schaffen.

Zudem muss Rassismus in einer globalisierten Welt neu kontextualisiert werden. So ist beispielsweise die „zweiten Generation“, die sich aus Menschen zusammensetzt, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben, neuen und oft subtileren Dynamiken der Diskriminierung ausgesetzt, als ihre Eltern, die der „ersten Generation“ angehören. Aus dem heutigen Sichtpunkt wird unter Rassismus deshalb all jenes verstanden, das eine Person aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes verunglimpft, verletzt, diskriminiert und abwertet.

In der dafür konzipierten Kampagne werden einige Aussagen thematisiert, die genau diesen unbewussten untergründige Rassismus widerspiegeln.

Hinter diesem ersten Satz, der sicherlich als Kompliment gemeint ist, verbirgt sich eine unbewusst gravierende Abwertung einer Person. Drastisch? Nein, es ist einfach eine Frage des Kontextes: Stell dir vor, du bist an einem Ort geboren und/oder aufgewachsen und man sagt dir, dass du die Sprache dieses Ortes gut sprichst. Also zu hören, dass du deine erste Sprache gut sprichst.

In diesem Fall wird deutlich, wie ein einfaches Missverständnis (d.h. die Tatsache, dass die betreffende Person aufgrund ihres „unkonventionellen“ Aussehens für einen nicht so langjährigen Einwanderer gehalten wird) dazu führt, dass eine Person unterbewertet und ihre Identität verletzt wird.

Hier, wie auch bei vielen anderen Ausdrücken, liegt das Problem darin, dass die Vorstellung, dass die italienische Person ein nicht „westliches“ Aussehen haben könnte, noch nicht normalisiert worden ist. Dennoch ist sie Italienerin und spricht perfekt Italienisch, da es ihre erste Sprache ist, weil sie in Italien geboren und/oder aufgewachsen ist, auch wenn sie eine dunklere Haut, einen Schleier auf dem Kopf oder „orientalische“ Gesichtszüge hat.   

Um an den Diskurs der Identitätsverletzung anzuknüpfen, hier ein weiterer Satz, der oft, manchmal sogar scherzhaft, ausgesprochen wird, der aber beleidigen und frustrieren kann. Stelle dir auch in diesem Fall vor, im Ausland zu sein und eine sehr überraschende Antwort auf deine Erklärung Italiener/in zu sein, zu erhalten, da deine Gesichtszüge eine andere Herkunftsnationalität nahegelegt hätten.

Ist es im Jahr 2021 nicht an der Zeit, die Idee zu normalisieren, dass man jeder Nationalität angehören kann, unabhängig von seinem physischen Aussehen? Wir können nicht länger an einer stereotypischen Vorstellung festhalten, wie sich der Italiener/ die Italienerin körperlich präsentieren sollte. Es können nicht mehr nur genetische Merkmale sein, die die Nationalität eines Menschen bestimmen. Es kann frustrierend sein, zu einer ständigen Infragestellung der eigenen nationalen Identität durch Dritte verdammt zu sein. 

Hier weicht der Diskurs leicht vom Thema der Identität ab, um das des Respekts und des persönlichen Raumes zu treffen. Wie beim ersten Bild ist dieser Satz durchaus als Kompliment gemeint, er entspringt der guten Absicht, dem anderen eine Wertschätzung und Neugierde auf ihn selbst zu vermitteln.

Wo liegt dann das Problem? Nun, auch in diesem Fall spielt der Kontext eine große Rolle: In der Regel wird diese Neugierde geäußert, ohne dass das richtige Vertrauen zum Gegenüber vorhanden ist. Dies kann, wie unschuldig die Absichten der Person, die den Satz ausspricht, auch sein mögen, eine falsche Vorstellung vermitteln. Um den bisher eingeschlagenen Weg fortzusetzen, stelle dir vor, dass völlig Fremde dich bitten, deine Haare zu berühren. Stelle dir jetzt vor, dass dies einmal, zweimal, zehnmal passiert: Würdest du dich nicht ein bisschen wie ein „Freak” fühlen? Natürlich hängt dies von der jeweiligen Person ab, aber der Fehler, der häufig gemacht wird, ist die Annahme, dass Menschen bereit sind, dass in ihren persönlichen raum eingedrungen wird, um die Neugier eines Fremden zu befriedigen.

Ein zusätzlicher gefährlicher Effekt dieser häufig geäußerten Forderung, ist die ständige Betonung der „Andersartigkeit“ einer Person gegenüber der Mehrheit. Das kann frustrierend sein, besonders wenn die betreffende Person einfach nur in Ruhe leben möchte. Natürlich ist die Sensibilität für das Thema bei jedem anders, aber es wäre in jedem Fall am besten, wenn man sich vergewissert, dass man mit jemandem vertraut ist, bevor man „grünes Licht“ in dessen persönlicher Sphäre haben will. Was keineswegs bedeutet, die Neugierde zu töten.

Bei diesem weiteren Satz, den viele schon gehört haben, und zwar öfter als man denkt, gibt es nicht viel mehr zu kommentieren: Es ist offensichtlich, wie unterbwertend der bloße Ton der Überraschung ist, der einer solchen Aussage zugrunde liegt. Es ist interessant, wie dies für viele wie ein einfaches Kompliment erscheinen mag und wie man in diesen Fällen nicht bemerkt, dass sich hinter dieser Aussage eine verschleierte Beleidigung der Kompetenz einer Person verbirgt, wiederum basierend auf dem Aussehen oder dem kulturellen Hintergrund. Der des Anwalts Hilarry Sedu (der während einer Anhörung gefragt wurde, ob er tatsächlich Anwalt sei und ob er einen Abschluss habe), ist nur der jüngste von vielen solchen Fällen, die selten öffentlich gemacht werden.

Hier kommen wir zu dem wohl ausgeprägtesten und umstrittensten dieser Sätze. Auf die Frage „Woher kommst du?“ weiß eine Person mit einem gemischten kulturellen Hintergrund oder einer äußeren Erscheinung, die einen anderen Hintergrund vermuten lässt, nie, was die andere Person als Antwort erwartet.

Der Wunsch, mehr über eine Person und ihren Hintergrund zu erfahren, ist mehr als legitim. Hier liegt das Problem in der Formulierung dieses Satzes „Woher kommst du wirklich?“. Es ist dieses „wirklich“, das stört, denn es impliziert, dass Italienischsein für eine Person, deren Aussehen nicht mit dem stereotypischen Bild eines Italieners/ einer Italienerin übereinstimmt, nur ein sekundäres Merkmal sein kann. Es ist, als würde man sagen: „Okay, du bist auch Italiener/in, aber woher kommst du wirklich?“.

Dieses Problem kann vermieden werden, indem man die Frage einfach in „Was ist dein kultureller Background?“ ändert. Auf diese Weise vermeidet man es, unbewusst zu unterstellen, dass Italienischsein nur ein sekundäres Merkmal von jemandem sein kann, der nicht italienisch „aussieht“. 

In diesem Fall liegt das Problem in der Unwissenheit, die legitim und nicht so sehr anklagbar ist (solange der Wille vorhanden ist, die Lücken zu füllen). Würde man jedoch auch nur einen Moment innehalten und nachdenken, würde man erkennen, dass eine solche Frage zu einer Abwertung der Person führt, an die sie gestellt wird, wenn auch unabsichtlich und unbewusst. Das hat einen einfachen Grund: Biologie ist keine Meinung und die Funktionsweise des menschlichen Körpers ändert sich nicht je nach dem Grad des bereits in der Epidermis vorhandenen Melanins. Eine solche Frage zu stellen, bedeutet nichts anderes, als die Unterschiede anderer Menschen zu betonen und sie mehr zu verstärken, als es gebraucht ist, und riskiert sogar, sehr beleidigend zu sein.

Anknüpfend an das Thema „Beleidigung“ kommen wir schließlich zu dem letzten häufig geäußerten Satz, der genau die Quintessenz des unbewussten Rassismus ist. Es besteht der weit verbreitete Eindruck, dass die Menschen heutzutage zu leicht beleidigt sind und dass „nichts mehr gesagt werden kann“. Diese Idee ist sehr gefährlich, da diese Mentalität die Stimme derjenigen schwächt, die versuchen, eine Behandlung durchzusetzen, die ihrer Person schadet. Warum nicht stattdessen über sich selbst nachdenken, darüber, wie man es vermeiden kann, andere zu kränken, anstatt stur mit dem Finger zu zeigen? Warum sollte man auf dieser kontraproduktiven Mentalität beharren, anstatt seinen allzu zarten Stolz beiseite zu legen und dem anderen zuzuhören?

Es ist legitim, Fehler zu machen, und wie im einleitenden Absatz erwähnt, sind wir alle ausnahmslos dazu verpflichtet, dies zu tun. Niemand ist davon ausgenommen, dass er diese Art von unbewusstem Rassismus umsetzt: Gerade deshalb müssen wir alle unsere Worte (die mehr Macht haben, als wir zugeben wollen) und unsere Taten reflektieren, um als Gesellschaft endlich voranzukommen.

Wir sind auf dem richtigen Weg und es gibt Fortschritte im Vergleich zu vor einigen Jahren, aber wir müssen versuchen, den Dialog mit mehr Empathie und Sensibilität zu führen, vor allem aber bei den jüngeren Generationen. Das können wir erreichen, wenn wir auch nur ein wenig demütiger werden, indem wir unseren Gesprächspartnern zuhören und, wie man es am Ende eines Abschnitts über Rassismus zu Recht erwarten würde, unseren Geist öffnen.

OEW
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